Verhältnis zwischen USA und Israel»Was Tucker Carlson sagt, ist zum Teil offener Antisemitismus
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Verhältnis zwischen USA und Israel»Was Tucker Carlson sagt, ist zum Teil offener Antisemitismus«Die USA und Israel kämpfen gemeinsam gegen Iran. Der Historiker Michael Brenner erklärt, wie es zu dieser engen Partnerschaft kam – und warum sie nun auf dem Spiel steht.Ein Interview von Thore Schröder, Tel Aviv Invalid DateTime Bild vergrößernTucker Carlson Foto: Alex Brandon / AP
SPIEGEL: Die israelische und die US-Armee kämpfen zurzeit Seite an Seite gegen Iran. Hat es so eine enge Partnerschaft zwischen den beiden Ländern schon mal gegeben?
Brenner: Einen gemeinsam geführten Krieg gegen einen anderen Staat gab es noch nicht, das ist ein Novum. Aber es gab auch unter den Vorgängern von US-Präsident Donald Trump eine sehr enge militärische Zusammenarbeit. Nehmen Sie die US-Unterstützung in früheren militärischen Auseinandersetzungen Israels, etwa nach dem 7. Oktober unter US-Präsident Joe Biden.**
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SPIEGEL: Aber bei Angriffen auf Drittstaaten haben die beiden Länder noch nie direkt kooperiert?
Brenner: Den Angriff auf den irakischen Kernreaktor 1981 zum Beispiel führte Israel allein durch. Als wiederum der irakische Diktator Saddam Hussein zehn Jahre später Israel mit Raketen angreifen ließ, verpflichteten die USA die israelische Regierung sogar dazu, nicht zurückzuschlagen.Zur Person
Michael Brenner, 62, ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München und Direktor des Center for Israel Studies an der American University in Washington, DC. Zu seinen Büchern gehören »Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates« sowie »Geschichte des Zionismus« (C.H. Beck Verlag).Bild vergrößernFoto: Stephan Rumpf
SPIEGEL: Die Israelis saßen mit Gasmasken in ihren Bunkern, fühlten sich an den Holocaust erinnert.
Brenner: Die Amerikaner befürchteten damals, dass ihre arabischen Partner beim Feldzug gegen den Irak abspringen könnte, wenn Israel eingreift.
SPIEGEL: Wie standen die USA Israels Staatsgründung 1948 gegenüber?
Brenner: Da war noch ziemlich offen, wie sich die Beziehung entwickeln würde. Beim Uno-Votum über die Teilung Palästinas im November 1947 war eigentlich bis zum letzten Moment nicht ganz klar, wie die Amerikaner abstimmen würden. Sie stimmten schließlich dafür, aber es gab damals wie auch noch später in den Fünfzigerjahren Stimmen im US-Außenministerium, die die Allianz mit den arabischen Staaten höher einschätzten. Natürlich auch wegen der Ölinteressen.Bild vergrößernUS-Präsident Kennedy und israelische Außenministerin (später Ministerpräsidentin) Meir 1962 im Weißen Haus: »Special relationship« Foto: Universal History Archive / Universal Images Group / Getty Images
SPIEGEL: Die USA waren also nicht von Anfang an Schutzmacht und wichtigster Partner?
Brenner: Diese Rolle hatte zu Beginn Frankreich. Auch dass Israel zur Atommacht aufstieg, geschah durch französische Hilfe. Erst im Laufe der Sechzigerjahre entwickelte sich das enge Bündnis mit den USA.
SPIEGEL: US-Präsident John F. Kennedy sprach von einer »special relationship«, einer »besonderen Beziehung« beider Länder. Was meinte er damit?
Brenner: Da kann man vom Beginn einer Wende sprechen, die sich dann unter Präsident Lyndon B. Johnson verstärkte. Es war nicht so, dass die Ölinteressen und das Bündnis mit den arabischen Staaten plötzlich verschwunden wären, doch nun ging es um gemeinsame Werte.**
»Spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 galt Israel als westlicher Brückenkopf und als stabile Militärmacht in der Region.«**
SPIEGEL: Welche waren das?
Brenner: Zunächst mal die der Demokratie. So ein vergleichbar liberales politisches System wie in Israel gab es tatsächlich nicht im Nahen Osten. Dies trug zu einer verlässlichen Beziehung bei. Dazu kam das langsam steigende Bewusstsein für den Holocaust. Daraus entstand Verantwortungsgefühl. Auch die Bürgerrechtsbewegung in den USA sah gemeinsame Werte mit Israel, Martin Luther King stand dem Land sehr freundlich gegenüber. Spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 galt Israel als westlicher Brückenkopf und als stabile Militärmacht in der Region.
SPIEGEL: An Besatzung und Siedlungsbau störte man sich nicht?
Brenner: Die israelische Regierung von Levi Eshkol erklärte zunächst, dass man das besetzte Land gegen Frieden eintauschen würde. Die Arabische Liga erteilte dem eine rigorose Absage. Kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit Israel, die drei Neins von Khartum. Diese Verhärtung trug dazu bei, dass der Kalte Krieg immer stärker in die Region Einzug hielt. Die arabischen Staaten näherten sich der Sowjetunion an, und Israel war der verlässlichste Partner der USA.Bild vergrößernNetanyahu 1996 bei seinem ersten US-Besuch als Premierminister: Fast ein Heimspiel Foto: Ron Sachs / Getty Images
SPIEGEL: In den folgenden Jahrzehnten waren verschiedene US-Regierungen darum bemüht, Frieden im Nahen Osten zu vermitteln, mit gemischtem Erfolg.
Brenner: Unter US-Präsident Jimmy Carter gab es 1978 die Einigung von Camp David, also die Aussöhnung Israels mit Ägypten. Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat hatte das mit seiner Reise nach Jerusalem angestoßen, aber unterschrieben wurde das Abkommen in den USA.
SPIEGEL: Seit 2009 regiert Benjamin Netanyahu fast durchgehend Israel. Wie hat er das Verhältnis geprägt?
Brenner: Für Netanyahu hatte von Anfang an Priorität, Iran nicht zur Atommacht werden zu lassen. Das sieht er als existenzielle Bedrohung Israels. Das war ein Grund, vielleicht der Hauptgrund, dass das Verhältnis zwischen ihm und US-Präsident Barack Obama Schaden nahm. Er hat Verhandlungen mit Iran immer skeptisch gesehen.**
»Es geht nicht nur um Netanyahus akzentfreies Englisch, er versteht auch die amerikanische Mentalität und kann deswegen dort mit einer ganz anderen Selbstsicherheit auftreten«**
SPIEGEL: Netanyahu ist zum Teil in den USA aufgewachsen, lebte später als israelischer Diplomat in New York. Wie wichtig ist diese Prägung?
Brenner: Sehr wichtig, auch hinsichtlich seines Images in Amerika. Es geht nicht nur um sein akzentfreies Englisch, er versteht auch die amerikanische Mentalität und kann deswegen dort mit einer ganz anderen Selbstsicherheit auftreten. Etwa bei seinen insgesamt vier Auftritten vor dem US-Kongress. Wie wichtig ihm diese Prägung ist, zeigt sich auch an der Auswahl der letzten von seiner Regierung ernannten israelischen Botschafter in Washington: Männer, die in den USA aufgewachsen und nach Israel eingewandert waren, die also wie Amerikaner wirken.
SPIEGEL: Der aktuelle US-Botschafter in Israel ist der Evangelikale Mike Huckabee. Seit wann sind diese konservativen, betont zionistischen Protestanten so einflussreich in den USA?
Brenner: In der Amtszeit von US-Präsident Ronald Reagan in den Achtzigerjahren begann eine Verschränkung religiöser Werte mit politischem Aktivismus. Seine Nachfolger George W. Bush und Donald Trump haben das ausgenutzt, wobei letzterer selbst gar nicht gläubig ist.Bild vergrößernNew Yorker Bürgermeister Mamdani: Israelkritische Haltung in der Mitte angekommen Foto: Sarah Yenesel / EPA
SPIEGEL: Seit dem 7. Oktober 2023, also dem Hamas-Terrorangriff auf Israel und dem folgenden Gazakrieg, ist die öffentliche Unterstützung für Israel in den USA geradezu eingebrochen. Laut einer Gallup-Umfrage, die wenige Tage vor dem Ausbruch des Irankriegs erschien, hat die Sympathie für die Palästinenser erstmals jene für Israel überschritten. Wie konnte es so weit kommen?
Brenner: Das passierte nicht über Nacht und hat auch mit der anhaltenden Besatzungspolitik Israels zu tun. Unter der aktuellen rechts-religiösen Netanyahu-Regierung ist die Unterstützung links der Mitte stark eingebrochen. Dazu kam nach dem 7. Oktober die Studentenbewegung, die nicht nur den Gazakrieg oder die Besatzung verurteilt hat, sondern Israel die Legitimität als Staat abgesprochen hat. Wie weit solche Einstellungen mittlerweile in die Mitte reichen, hat sich gezeigt, als Zohran Mamdani, der offen den Boykott Israels befürwortet, zum Bürgermeister New Yorks, der Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung weltweit, gewählt wurde.**
»An den Universitäten ist es so weit gekommen, dass es zum linken Wertekanon gehört: Da muss man für Klimaschutz, für Einwanderung und gegen Israel sein.«**
SPIEGEL: Ähnliche Positionen gibt es mittlerweile auch in der Mitte der Demokratischen Partei. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, der früher als Unterstützer Israels auftrat, hat kürzlich nahegelegt, Israel sei ein Apartheidstaat.
Brenner: Er verbesserte sich später, dass Israel sich zu einem Apartheidstaat entwickeln könnte. Aber er hat auch klar gesagt, dass er kein Geld mehr von AIPAC annehmen würde.
SPIEGEL: Dem American Israel Public Affairs Committee, der wichtigsten proisraelischen Lobbyorganisation in den USA.Bild vergrößernElend im zerstörten Gazastreifen: Mit Netanyahu schwierig, Boden gutzumachen Foto: Abdel Kareem Hana / AP / dpa
Brenner: Es gibt noch immer wichtige demokratische Politiker wie John Fetterman und Josh Shapiro aus Pennsylvania, die Israel klar unterstützen. Wobei es mit der jetzigen Netanyahu-Regierung immer schwieriger wird.
SPIEGEL: Netanyahu hat früh auf Trump gesetzt. Nun gibt es auch bei den Republikanern immer mehr Stimmen, die Israel kritisch gegenüberstehen. Was halten Sie etwa von den Äußerungen des bekannten Podcast-Hosts Tucker Carlson?
Brenner: Was er sagt, ist zum Teil offener Antisemitismus.
SPIEGEL: Inwiefern?
Brenner: Er reißt Dinge aus dem Zusammenhang und lässt sie auf einen Boden fallen, der fruchtbar ist für antisemitische Stereotype. Zum Beispiel hat er gerade den Vorwurf geäußert, dass eine breite Strömung religiöser Juden in Jerusalem anstelle der Al-Aqsa-Moschee und des Felsendoms den dritten Tempel bauen wollen. Es gibt tatsächlich radikale Fundamentalisten, die das vorhaben, aber das ist keine breite oder dominante Bewegung. Dazu hat er den Podcaster Nick Fuentes , einen bekennenden Antisemiten und Hitler-Bewunderer, in seine Show eingeladen und ihn unwidersprochen seine Verschwörungstheorien verbreiten lassen.
SPIEGEL: Neben Carlson beklagen auch andere Konservative, Israel habe die USA in den Irankrieg getrieben.
Brenner: Es ist ja nicht so, als hätte die Weltmacht USA nicht die Möglichkeit, selbst über so etwas zu entscheiden. Trump lässt sich von niemandem, auch nicht von Netanyahu, sagen, was er zu tun hat. Dass Netanyahu ein Interesse an einem gemeinsamen Krieg hat, ist natürlich klar, aber die US-Regierung entscheidet schon noch allein, was sie tut.
SPIEGEL: Das ist aber nun das Bild, das viele haben.
Brenner: Das stimmt. Und es knüpft bei antisemitischen Stereotypen an: Die Juden haben so viel Macht, dass sie das mächtige Amerika in einen Krieg hineintreiben konnten.
SPIEGEL: Wo verläuft die Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus?
Brenner: Das ist keine einfache Frage. Aber wenn man den Juden das Recht abspricht, ihren eigenen Staat zu haben, überschreitet das eine Grenze. Vor allem, wenn man sagt, die Palästinenser sollen ihren eigenen Staat haben, die Juden aber nicht. Selbstverständlich haben beide Völker das Recht auf einen eigenen Staat, und auch Israel sollte das anerkennen.Mehr zum Thema
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SPIEGEL: Kann sich das Ansehen Israels in den USA von diesem Krieg und von Netanyahu erholen?
Brenner: Ich sehe tatsächlich die Gefahr, dass sich das öffentliche Meinungsbild noch weiter verschlechtert. Wir sehen, wie weit es in anderen Ländern wie Spanien und Irland bereits ist; das hatte man sich für die USA lange nicht vorstellen können. Inzwischen ist es aber auch dort sehr gut vorstellbar, weil vor allem unter Jüngeren das Verständnis für die Existenz Israels immer geringer wird. Bei vielen gilt Zionismus bereits als Schimpfwort. An den Universitäten ist es so weit gekommen, dass es zum linken Wertekanon gehört: Da muss man für Klimaschutz, für Einwanderung und gegen Israel sein.
SPIEGEL: Ist diese Entwicklung noch umkehrbar?
Brenner: Das hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt davon, ob Netanyahu wiedergewählt wird und in derselben Konstellation weitermachen wird. Wenn das so kommt, wird es schwierig, unter liberalen Amerikanern Boden gutzumachen. Es ist wichtig zu sehen, dass Israel eine komplexe Gesellschaft ist, in der es weiterhin eine Opposition und auch eine große Protestbewegung gegen diese Regierung gibt. Aber letztlich wird das Image eines Landes immer durch eine von der Mehrheit gewählte Regierung bestimmt, das ist ja auch so mit den USA unter Trump. StartseiteArtikel verschenkenFeedback








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